Wissenschaftlich überprüft · Stand Mai 2026 6 Studien zitiert Lesezeit ~22 min Privatpraxis · Bundesweit
§ 18 · Symptom-Tiefe · Hyperarousal

ADHS und innere Unruhe, der Motor, der nie ausgeht.

„Ich bin immer im Standby, auch wenn ich erschöpft bin." Innere Unruhe ist das am häufigsten beklagte Erwachsenen-ADHS-Symptom. 81 % berichten anhaltendes Hyperarousal-Erleben. Neurowissenschaftlich erklärt durch eine Imbalance zwischen Default Mode Network und Aufmerksamkeitssystemen, therapeutisch gut adressierbar mit ADHS-Pharmakotherapie, Schlaf, Bewegung und KVT.

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Netzwerke involviert
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% Bewegungs-Effekt
DMN overdrive SAL imbalance CEN underactive
Triple-Network-Modell · Imbalance bei ADHS
AG
Dr. med. Amir Golsari
verifiziert
Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie · NEVPAZ Privatpraxis Hamburg

In meiner Sprechstunde ist „innere Unruhe" der häufigste Eröffnungssatz. Es ist das, woran ADHS-Betroffene leiden, lange bevor sie eine Diagnose haben, und das, was sich unter guter Therapie zuerst und am deutlichsten verändert. Dieser Beitrag erklärt das Phänomen wissenschaftlich, grenzt es ab, und zeigt, was wirklich hilft.

Kurz gesagt
Innere Unruhe ist nicht „im Kopf", sie ist im Gehirn messbar.

Bei ADHS bleibt das Default Mode Network auch in Aufgaben-Phasen aktiv, während es eigentlich „aus" sein sollte. Gleichzeitig kommt das Aufmerksamkeitsnetzwerk nicht in den Lead. Das fühlt sich an wie zu viele Tabs gleichzeitig, vegetativ aktiviert, kognitiv unstrukturiert, motorisch unruhig. Lösung: keine Beruhigungsmittel, sondern ADHS-Therapie + Schlaf + Bewegung + Reizmanagement.

§ 01 · Symptom

Was Patient:innen wirklich erleben.

„Hyperaktivität" ist eine schlechte Übersetzung für das, was Erwachsene mit ADHS spüren. Es ist weniger äußerliches Zappeln und mehr eine durchgehende vegetative Aktivierung mit Gedankenkarussell.

Körperlich
Vegetativ aktiviert

Erhöhter Puls in Ruhe, flachere Atmung, ständige Muskelanspannung (besonders Nacken, Kiefer), Schwierigkeiten zur Ruhe zu kommen, auch wenn man hundemüde ist.

Kognitiv
Gedankenkarussell

„Zu viele offene Tabs gleichzeitig", Gedankensprünge, Themenwechsel, mentales Multitasking ohne Pause. Schon vor dem Einschlafen läuft das Hintergrund-OS auf 100 %.

Motorisch
Bewegungsdrang

Beine wippen, mit den Fingern trommeln, aufstehen müssen, durch die Wohnung gehen während des Telefonats. Sitzen-bleiben kostet aktive Energie.

Emotional
Reizoffen

Geräusche, Lichter, Stimmen werden ungefiltert verarbeitet, geringe Reizschwelle, schnelles Überlastet-Sein, dazu „Frustrations-Tinnitus" durch andere.

Sozial
Druck nach außen

Klingt im Gespräch immer „on", lacht zu laut, redet zu schnell, unterbricht zu früh, nicht aus Unhöflichkeit, sondern weil die Bremse fehlt.

Schlaf
Latenz und Fragmentierung

Einschlafen dauert 45-90 Minuten, Aufwachphasen mehrfach pro Nacht. Morgens fühlen sich 8 Stunden Bett wie 4 Stunden Schlaf an, fragmentiert, unerholsam.

§ 02 · Neurowissenschaft

Was im Gehirn passiert.

Die fMRT-Forschung der letzten 15 Jahre hat innere Unruhe bei ADHS aus der „psychologischen Ecke" geholt und auf die Karte der funktionellen Konnektivität gesetzt. Drei Netzwerke sind beteiligt: und ihre Choreographie stimmt nicht.

Netzwerk 01

Default Mode Network (DMN)

Aktiv im Ruhezustand, beim Tagträumen, Selbstreflektieren, Erinnern. Bei ADHS bleibt es überaktiv, auch wenn aufgabenbezogen gearbeitet werden sollte. „Mind-Wandering" als Zustand. Studien (Castellanos 2016, Sidlauskaite 2024) zeigen erhöhte Aktivität und gestörte Anti-Korrelation mit dem Aufmerksamkeitssystem.

Netzwerk 02

Salienznetzwerk (SAL)

Der „Türsteher", entscheidet, welche Reize Aufmerksamkeit verdienen und welche ignoriert werden. Bei ADHS funktioniert die Filterung schlechter. Folge: alle Reize gleich wichtig, kognitive Überlastung.

Netzwerk 03

Central Executive Network (CEN)

Das exekutive System für zielgerichtetes Handeln, Arbeitsgedächtnis, Hemmung von Impulsen. Bei ADHS unteraktiviert. Es schafft es nicht, das DMN zur Ruhe zu bringen, wenn Fokus gebraucht wird.

Die Choreographie stimmt nicht.

In einem gesunden Gehirn schalten sich diese drei Netzwerke wechselseitig: DMN aus, CEN an, wenn Fokus gebraucht wird; SAL filtert. Bei ADHS bleibt das DMN „on", CEN kommt nicht in den Lead, SAL überfordert, die Folge ist subjektiv erlebte Unruhe, objektiv messbar in funktioneller Konnektivität. Stimulanzien greifen genau hier ein: sie dämpfen das DMN und stärken den CEN. Das ist der pharmakologische Grund, warum „ein Stimulans paradox beruhigt".

§ 03 · Karten umdrehen

Wie sich Unruhe verkleidet.

Innere Unruhe trägt im Erwachsenenalter selten ein „Hyperaktivitäts"-Etikett. Sie maskiert sich als andere Probleme. Klicken Sie die Karten, um die Maskierung umzudrehen.

Maskierung 01
„Ich brauche ständig Kaffee"
Eigentlich

Selbst-Stimulation gegen DMN-Overdrive. Koffein als Pseudo-Stim. Wirkt kurz, treibt Puls und Schlaf zu Lasten, keine Lösung.

Maskierung 02
„Abends brauche ich Wein"
Eigentlich

Selbstmedikation gegen Anspannung. Alkohol als Anxiolytikum, kurz hilfreich, langfristig Suchtrisiko, Schlafzerstörung.

Maskierung 03
„Ich kann nicht abschalten"
Eigentlich

DMN-Hyperaktivität verhindert mentales Herunterfahren. Kein Willensproblem, neurobiologisches Phänomen.

Maskierung 04
„Ich brauche immer Action"
Eigentlich

Externe Stimulation, um das innere Karussell zu strukturieren. Reizsuche statt Reizregulation.

Maskierung 05
„Mir tut alles weh"
Eigentlich

Chronische Anspannung → Spannungskopfschmerzen, Kieferpressen, Nackenverspannungen. Somatisierte Unruhe.

Maskierung 06
„Ich bin so erschöpft"
Eigentlich

Dauerhafte Hyperaktivierung kostet Energie. Erschöpfung ohne körperliche Ursache, bei ADHS sehr häufig.

↕ Karten zum Umdrehen anklicken
§ 04 · Differentialdiagnostik

Unruhe oder Angst: die Differenz.

Die Symptomatik überlappt. Doch die Differenzierung ist therapeutisch entscheidend, weil Stimulanzien ADHS-Unruhe beruhigen, primäre Angst aber verstärken können.

MerkmalADHS-UnruheAngststörung
InhaltDiffus, „zu viel auf einmal", themenwechselndKonkrete Sorgen, klare Trigger, eingeengt auf 1-2 Themen
Zeitlicher VerlaufLebenslang, situationsneutral, kontinuierlichEpisodisch, oft auslöserabhängig, mit Phasen
VermeidungSelten, eher ReizsucheHäufig, oft Vermeidung der Angstauslöser
KognitionSprünge, viele Themen, „Tab-Flut"Eingeengt auf Sorge, Grübeln
KörperreaktionKontinuierlich erhöhter SympathikusAkute Episoden (Herzrasen, Schwitzen, Atemnot)
BeginnKindheit, oft retrospektiv erkennbarMeist späteres Alter, oft nach Auslöser
Wirkung StimulansBeruhigt (paradox)Kann initial verstärken
Wirkung SSRIGering bis kontraproduktivErstwahl bei generalisierter Angst

Komorbidität ist häufig.

25-40 % der Erwachsenen mit ADHS haben auch eine komorbide Angststörung. Die Therapie ist sequenziell: erst die führende Störung adressieren, dann die zweite. Bei schwerer primärer Angst: SSRI etablieren, dann ADHS-Behandlung schrittweise ergänzen. Bei führender ADHS-Unruhe: häufig löst sich „sekundäre" Angst unter Stimulanzien-Therapie mit auf.

§ 05 · Schlaf

Wenn der Off-Knopf fehlt.

Unruhe und Schlafstörung sind bei ADHS zwei Seiten derselben Medaille. 70-80 % berichten signifikante Schlafprobleme. Das DMN bleibt aktiv, wenn es eigentlich „aus" sein sollte.

Einschlaflatenz

Typisch 45-90 Min. statt 15-20 Min. Im Bett: Gedanken laufen, Bewegungsdrang in den Beinen, „eine Idee noch", Smartphone-Reflex.

Phase Delay

Circadianer Rhythmus verschoben, Müdigkeit kommt erst 1-3 h später als bei Nicht-ADHS-Personen. Klassische „Eulen". Morgens dafür schwer hoch.

Fragmentierung

Mehrfaches Aufwachen, leichter Schlaf, Träume intensiv. Tiefschlafanteil oft reduziert. Folge: Bett-Zeit ≠ Erholungszeit.

§ 06 · Therapie

Was wirklich wirkt.

Nicht Beruhigungsmittel, sondern ein Bündel aus Pharmakotherapie, Lebensstil und Psychotherapie. Reihenfolge wichtig.

Säule 01 · Pharmakotherapie

ADHS-Medikation

Stimulanzien wirken paradox beruhigend, sie strukturieren die Aufmerksamkeitsregulation und dämpfen das DMN. Atomoxetin und Guanfacin wirken gleichmäßiger, oft mit besserer Schlafverträglichkeit. Cortese 2018: SMD bis -0,79 bei Erwachsenen.

Säule 02 · Bewegung

Sport als Co-Therapie

3-5×/Woche aerobe Bewegung 30-45 min. Effektgrößen vergleichbar mit Pharmakotherapie bei leichten Formen (Pontifex 2013, Smith 2024). Endorphine, Dopaminausschüttung, Schlafverbesserung, Dreifach-Effekt.

Säule 03 · Schlaf

Schlafhygiene als Therapie

Strikte Schlafzeiten ±30 min, kein Bildschirm 1 h vorher, kühles Zimmer, ggf. Melatonin 0,5-3 mg 30 min vor Schlaf. Bei manchen ADHS-Patient:innen: Schlafstart die entscheidende Stellschraube.

Säule 04 · Psychotherapie

KVT + Achtsamkeit

ADHS-spezifische Kognitive Verhaltenstherapie (Hesslinger-Programm, Safren-Manual). Achtsamkeitsbasierte Verfahren (MBSR, MBCT) zeigen messbare Reduktion der DMN-Hyperaktivität. Komplementär, nicht Ersatz für Medikation.

§ 07 · Akut-Hilfe

Was tun in der Welle?

Innere Unruhe kommt in Wellen, oft mit Triggern (Stress, Schlafmangel, Reizüberflutung). Drei evidenzbasierte Anker für die akute Welle:

01 · Körper bewegen

5 Min. zügig gehen, Treppen, Hampelmänner. Bewegung verschiebt den vegetativen Tonus messbar. Schon 3-5 Min. Cardio reduzieren Cortisol und Anspannung.

02 · Reize reduzieren

Smartphone weg, Augen zu, Atmung 4-7-8 (4 s ein, 7 s halten, 8 s aus). 6-8 Atemzyklen. Vagusnerv-Aktivierung, Sympathikus runter.

03 · Eine Aufgabe wählen

Statt Multitasking: eine konkrete Aktion. Spülmaschine ausräumen. Eine Mail. Eine Liste schreiben. Strukturieren statt fliehen.

§ 08 · Mythen

Drei populäre Irrtümer.

Mythos 01

„Beruhigungsmittel helfen"

Falsch. Benzodiazepine dämpfen kurz, machen aber abhängig, verschlechtern Kognition und Schlaf langfristig. Sie behandeln nicht die Ursache (DMN-Overdrive), sondern unterdrücken die Folge.

Mythos 02

„Sport macht hibbeliger"

Falsch. Akut wirkt Sport wie eine Wäsche fürs vegetative Nervensystem. Regelmäßig praktiziert (3-5×/Woche) reduziert er Hyperarousal nachweisbar.

Mythos 03

„Achtsamkeit ist nichts für ADHS"

Falsch. ADHS-adaptierte Achtsamkeitstrainings (MBCT, MAPs for ADHD) zeigen messbare Reduktion von DMN-Aktivität und subjektiver Unruhe. Wichtig: kurze, geführte Einheiten (8-12 Min.), nicht 45-Minuten-Sessions am Stück.

§ 09 · FAQ

Häufige Fragen.

Was ist innere Unruhe bei ADHS?
+
Ein lebenslanges, vegetativ-kognitiv-motorisches Phänomen: „immer eingeschaltet sein", „Motor läuft nie aus", „zu viele offene Tabs". Neurowissenschaftlich erklärt durch Imbalance zwischen DMN, Salienznetzwerk und Central Executive Network.
Wie unterscheidet sich ADHS-Unruhe von Angst?
+
ADHS-Unruhe ist diffus, lebenslang, situationsunabhängig, mit Gedankensprüngen über viele Themen. Angststörung: konkret, episodisch, mit Vermeidung und eingeengten Gedanken. Stimulanzien beruhigen ADHS-Unruhe, können primäre Angst aber verstärken.
Brauche ich ein Beruhigungsmittel?
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Nein, in aller Regel nicht. ADHS-Pharmakotherapie, Schlaf, Bewegung und KVT sind nachhaltiger und wirksamer als Benzodiazepine, die zudem Suchtrisiko bergen.
Warum beruhigt ein Stimulans?
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Stimulanzien stabilisieren die Aufmerksamkeitsregulation und dämpfen das hyperaktive Default Mode Network. Die „Tab-Flut" im Kopf reduziert sich, vegetative Anspannung sinkt, paradox, aber pharmakologisch erklärbar.
Was hilft im Alltag akut?
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Drei Anker: Körper bewegen (5 Min. zügig), Reize reduzieren (Smartphone aus, langsam atmen 4-7-8), eine konkrete Aufgabe wählen. Langfristig: ADHS-Therapie + Schlaf + Bewegung + Reizpausen täglich.
Warum verstärkt Koffein meine Unruhe?
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Bei ADHS ist die vegetative Aktivierung ohnehin erhöht. Koffein wirkt zusätzlich sympathomimetisch, Puls hoch, Karussell schneller. Anders als Stimulanzien stabilisiert es nicht die Aufmerksamkeitsregulation. Reduktion lohnt sich.
Geht innere Unruhe je vollständig weg?
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In den meisten Fällen wird sie deutlich gelindert, selten ganz verschwinden. Realistisches Ziel: 60-70 % Reduktion, sodass Alltag, Schlaf, Beziehungen wieder funktionieren. Eine gewisse Grundaktivität bleibt oft, und ist mit guter Therapie verkraftbar.
Quellen

Wissenschaftliche Basis

  • 01 Castellanos FX, Aoki Y. Intrinsic functional connectivity in attention-deficit/hyperactivity disorder. JAMA Psychiatry. 2016;73(7):756-762.
  • 02 Asherson P. Adult ADHD and emotional dysregulation. Atten Defic Hyperact Disord. 2016;8(3):117-128.
  • 03 Sidlauskaite J et al. Intrinsic Functional Connectivity in the Default Mode Network Differentiates the Combined and Inattentive ADHD Types. Front Hum Neurosci. 2022;16:838814.
  • 04 AWMF S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, Reg-Nr. 028-045, 2. Aktualisierung 2018.
  • 05 Pontifex MB et al. Exercise improves behavioral, neurocognitive, and scholastic performance in children with attention-deficit/hyperactivity disorder. J Pediatr. 2013;162(3):543-551.
  • 06 Cortese S et al. Comparative efficacy and tolerability of medications for ADHD across the lifespan. Lancet Psychiatry. 2018;5(9):727-738.
Kontakt

Innere Unruhe nachhaltig angehen.

Strukturierte Diagnostik, evidenzbasierte Behandlung, Hamburg oder per Video-Sprechstunde, bundesweit.

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