Hyperarousal · DMN · Erwachsenen-ADHS
ADHS und innere Unruhe der Motor, der nie ausgeht.
Innere Unruhe ist bei Erwachsenen mit ADHS oft belastender als sichtbare Hyperaktivität. Neurowissenschaftlich geht es um Hyperarousal, Default-Mode-Network-Überaktivität, schlechtere Reizfilterung und ein exekutives System, das nicht zuverlässig in Führung kommt.
Stand Mai 2026 · Autor: Dr. med. Amir Golsari · Lesezeit ca. 22 Min.
Kurz gesagt
Innere Unruhe ist nicht nur ein Gefühl. Sie ist neurobiologisch erklärbar.
Bei ADHS bleibt das Default Mode Network häufig aktiv, wenn eigentlich Fokus gebraucht wird. Gleichzeitig filtern Salienznetzwerk und exekutives Netzwerk Reize weniger stabil. Das fühlt sich an wie zu viele offene Tabs im Kopf: körperlich angespannt, mental unruhig, oft erschöpft und trotzdem nicht ruhig.
§ 01 · Symptom
Was Patient:innen wirklich erleben.
Hyperaktivität im Erwachsenenalter ist selten nur Zappeln. Häufig ist sie eine durchgehende innere Aktivierung, die im Körper, Denken, Schlaf und Sozialverhalten sichtbar wird.
Körperlich
Vegetativ aktiviert
Erhöhter Puls, flachere Atmung, Muskelanspannung, Kieferpressen und Schwierigkeiten, körperlich zur Ruhe zu kommen.
Kognitiv
Gedankenkarussell
Gedankensprünge, mentale Tab-Flut, Themenwechsel und ein Hintergrund-OS, das auch abends weiterläuft.
Motorisch
Bewegungsdrang
Beine wippen, Finger trommeln, aufstehen müssen, durch die Wohnung gehen beim Telefonieren.
Emotional
Reizoffen
Geräusche, Licht und Stimmen werden ungefiltert verarbeitet. Die Reizschwelle ist niedrig.
Sozial
Druck nach außen
Schnelles Sprechen, Unterbrechen, zu lautes Lachen oder ständiges On-Sein ohne böse Absicht.
Schlaf
Latenz und Fragmentierung
Einschlafen dauert lange, Aufwachen ist häufig, Bettzeit fühlt sich nicht wie Erholung an.
§ 02 · Neurowissenschaft
Was im Gehirn passiert.
Drei funktionelle Netzwerke sind entscheidend: Default Mode Network, Salienznetzwerk und Central Executive Network. Bei ADHS ist ihre Choreographie oft instabil.
Default Mode Network
Salienznetzwerk
Central Executive Network
Stimulanzien sind nicht einfach Wachmacher. Bei ADHS können sie die Aufmerksamkeitsregulation stabilisieren, das DMN dämpfen und das exekutive Netzwerk stärken. Deshalb erleben viele Betroffene eine paradoxe Beruhigung.
§ 03 · Maskierung
Wie sich Unruhe verkleidet.
Innere Unruhe trägt selten ein eindeutiges Etikett. Sie erscheint als Koffeinbedarf, Alkohol-Selbstmedikation, Action-Suche, körperliche Verspannung oder Erschöpfung.
Ständig Kaffee
Abends Wein
Nicht abschalten können
Immer Action
Verspannungen
Erschöpfung
§ 04 · Differentialdiagnostik
Unruhe oder Angst: die Differenz.
Die Symptome überlappen, die Behandlung unterscheidet sich. Deshalb ist die Differenzierung klinisch wichtig.
| Merkmal | ADHS-Unruhe | Angststörung |
|---|---|---|
| Inhalt | Diffus, zu viel auf einmal, themenwechselnd | Konkrete Sorgen, klare Trigger, oft eingeengt |
| Verlauf | Lebenslang, häufig situationsneutral | Episodisch, oft auslöserabhängig |
| Vermeidung | Eher selten, manchmal Reizsuche | Häufig, mit Vermeidung der Auslöser |
| Kognition | Sprünge, viele Themen, Tab-Flut | Grübeln über eine Sorge |
| Körperreaktion | Kontinuierlich erhöhter Sympathikus | Akute Episoden mit Herzrasen oder Atemnot |
| Stimulanzien | Können beruhigen | Können primäre Angst verstärken |
ADHS und Angststörungen können gleichzeitig bestehen. Dann wird sequenziell behandelt: zuerst die führende Störung, danach die zweite. Bei ADHS-getriebener Unruhe löst sich sekundäre Angst unter ADHS-Therapie oft mit.
§ 05 · Schlaf
Wenn der Off-Knopf fehlt.
Unruhe und Schlafprobleme sind bei ADHS eng verbunden. Viele Betroffene erleben lange Einschlaflatenz, verschobenen Rhythmus und fragmentierten Schlaf.
Einschlaflatenz
Phase Delay
Fragmentierung
§ 06 · Therapie
Was wirklich wirkt.
Nachhaltig hilft meistens kein einzelner Trick, sondern ein Bündel: ADHS-Behandlung, Schlaf, Bewegung, Reizmanagement und ADHS-spezifische Psychotherapie.
Stimulanzien können paradox beruhigen. Atomoxetin oder Guanfacin können bei manchen Betroffenen gleichmäßiger dämpfen und schlafverträglicher sein.
Drei- bis fünfmal pro Woche 30 bis 45 Minuten aerobe Bewegung reduziert Hyperarousal und verbessert Schlaf, Stimmung und exekutive Kontrolle.
Stabile Schlafzeiten, Bildschirm-Pause, kühles Zimmer und gegebenenfalls Melatonin nach ärztlicher Rücksprache können den Schlafstart erleichtern.
ADHS-spezifische KVT und kurze geführte Achtsamkeitseinheiten helfen, Reizflut und DMN-Hyperaktivität besser zu regulieren.
§ 07 · Akut-Hilfe
Was tun in der Welle?
1. Körper bewegen
2. Reize reduzieren
3. Eine Aufgabe wählen
§ 08 · Mythen
Drei populäre Irrtümer.
Beruhigungsmittel helfen
Sport macht hibbeliger
Achtsamkeit ist nichts für ADHS
§ 09 · FAQ
Häufige Fragen.
Quellen
Wissenschaftliche Basis
- 01Castellanos FX, Aoki Y. Intrinsic functional connectivity in ADHD. JAMA Psychiatry. 2016.
- 02Asherson P. Adult ADHD and emotional dysregulation. 2016.
- 03Sidlauskaite J et al. Intrinsic Functional Connectivity in the Default Mode Network. Front Hum Neurosci. 2022.
- 04AWMF S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, Reg-Nr. 028-045.
- 05Pontifex MB et al. Exercise improves behavioral and neurocognitive performance in ADHD. J Pediatr. 2013.
- 06Cortese S et al. Comparative efficacy and tolerability of medications for ADHD. Lancet Psychiatry. 2018.
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