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Hyperarousal · DMN · Erwachsenen-ADHS

ADHS und innere Unruhe der Motor, der nie ausgeht.

Innere Unruhe ist bei Erwachsenen mit ADHS oft belastender als sichtbare Hyperaktivität. Neurowissenschaftlich geht es um Hyperarousal, Default-Mode-Network-Überaktivität, schlechtere Reizfilterung und ein exekutives System, das nicht zuverlässig in Führung kommt.

81 %berichten innere Unruhe
3Netzwerke beteiligt
70-80 %berichten Schlafprobleme
5 Min.Bewegung kann akut helfen

Stand Mai 2026 · Autor: Dr. med. Amir Golsari · Lesezeit ca. 22 Min.

Kurz gesagt

Innere Unruhe ist nicht nur ein Gefühl. Sie ist neurobiologisch erklärbar.

Bei ADHS bleibt das Default Mode Network häufig aktiv, wenn eigentlich Fokus gebraucht wird. Gleichzeitig filtern Salienznetzwerk und exekutives Netzwerk Reize weniger stabil. Das fühlt sich an wie zu viele offene Tabs im Kopf: körperlich angespannt, mental unruhig, oft erschöpft und trotzdem nicht ruhig.

§ 01 · Symptom

Was Patient:innen wirklich erleben.

Hyperaktivität im Erwachsenenalter ist selten nur Zappeln. Häufig ist sie eine durchgehende innere Aktivierung, die im Körper, Denken, Schlaf und Sozialverhalten sichtbar wird.

Körperlich

Vegetativ aktiviert

Erhöhter Puls, flachere Atmung, Muskelanspannung, Kieferpressen und Schwierigkeiten, körperlich zur Ruhe zu kommen.

Kognitiv

Gedankenkarussell

Gedankensprünge, mentale Tab-Flut, Themenwechsel und ein Hintergrund-OS, das auch abends weiterläuft.

Motorisch

Bewegungsdrang

Beine wippen, Finger trommeln, aufstehen müssen, durch die Wohnung gehen beim Telefonieren.

Emotional

Reizoffen

Geräusche, Licht und Stimmen werden ungefiltert verarbeitet. Die Reizschwelle ist niedrig.

Sozial

Druck nach außen

Schnelles Sprechen, Unterbrechen, zu lautes Lachen oder ständiges On-Sein ohne böse Absicht.

Schlaf

Latenz und Fragmentierung

Einschlafen dauert lange, Aufwachen ist häufig, Bettzeit fühlt sich nicht wie Erholung an.

§ 02 · Neurowissenschaft

Was im Gehirn passiert.

Drei funktionelle Netzwerke sind entscheidend: Default Mode Network, Salienznetzwerk und Central Executive Network. Bei ADHS ist ihre Choreographie oft instabil.

Default Mode Network

Aktiv im Ruhezustand, beim Tagträumen und Selbstreflektieren. Bei ADHS bleibt es auch dann aktiv, wenn Fokus gebraucht wird: Mind-Wandering als Zustand.

Salienznetzwerk

Der Filter entscheidet, welche Reize Aufmerksamkeit verdienen. Bei ADHS werden zu viele Reize gleichzeitig wichtig.

Central Executive Network

Zuständig für zielgerichtetes Handeln, Arbeitsgedächtnis und Hemmung. Es schafft es nicht zuverlässig, das DMN zu beruhigen.
Warum Stimulanzien beruhigen können

Stimulanzien sind nicht einfach Wachmacher. Bei ADHS können sie die Aufmerksamkeitsregulation stabilisieren, das DMN dämpfen und das exekutive Netzwerk stärken. Deshalb erleben viele Betroffene eine paradoxe Beruhigung.

§ 03 · Maskierung

Wie sich Unruhe verkleidet.

Innere Unruhe trägt selten ein eindeutiges Etikett. Sie erscheint als Koffeinbedarf, Alkohol-Selbstmedikation, Action-Suche, körperliche Verspannung oder Erschöpfung.

Ständig Kaffee

Häufig Selbst-Stimulation gegen DMN-Overdrive. Kurz wach, aber mehr Puls, mehr Anspannung und schlechterer Schlaf.

Abends Wein

Selbstmedikation gegen Anspannung. Kurz dämpfend, langfristig mit Schlaf- und Suchtrisiko.

Nicht abschalten können

Kein Willensproblem, sondern häufig ein neurobiologisches Herunterfahr-Problem.

Immer Action

Externe Stimulation strukturiert das innere Karussell. Das ist Reizsuche statt Reizregulation.

Verspannungen

Chronische Anspannung führt zu Nacken-, Kiefer- und Spannungskopfschmerz-Mustern.

Erschöpfung

Dauerhafte Hyperaktivierung kostet Energie. Viele Betroffene sind erschöpft und trotzdem innerlich unruhig.

§ 04 · Differentialdiagnostik

Unruhe oder Angst: die Differenz.

Die Symptome überlappen, die Behandlung unterscheidet sich. Deshalb ist die Differenzierung klinisch wichtig.

MerkmalADHS-UnruheAngststörung
InhaltDiffus, zu viel auf einmal, themenwechselndKonkrete Sorgen, klare Trigger, oft eingeengt
VerlaufLebenslang, häufig situationsneutralEpisodisch, oft auslöserabhängig
VermeidungEher selten, manchmal ReizsucheHäufig, mit Vermeidung der Auslöser
KognitionSprünge, viele Themen, Tab-FlutGrübeln über eine Sorge
KörperreaktionKontinuierlich erhöhter SympathikusAkute Episoden mit Herzrasen oder Atemnot
StimulanzienKönnen beruhigenKönnen primäre Angst verstärken
Komorbidität ist häufig

ADHS und Angststörungen können gleichzeitig bestehen. Dann wird sequenziell behandelt: zuerst die führende Störung, danach die zweite. Bei ADHS-getriebener Unruhe löst sich sekundäre Angst unter ADHS-Therapie oft mit.

§ 05 · Schlaf

Wenn der Off-Knopf fehlt.

Unruhe und Schlafprobleme sind bei ADHS eng verbunden. Viele Betroffene erleben lange Einschlaflatenz, verschobenen Rhythmus und fragmentierten Schlaf.

Einschlaflatenz

Gedanken laufen weiter, Beine sind unruhig, das Smartphone zieht. 45 bis 90 Minuten Einschlafzeit sind keine Seltenheit.

Phase Delay

Müdigkeit kommt oft deutlich später. Viele Betroffene sind chronische Eulen und kommen morgens schwer in Gang.

Fragmentierung

Häufiges Aufwachen, leichter Schlaf und intensive Träume führen dazu, dass Bettzeit nicht gleich Erholungszeit ist.

§ 06 · Therapie

Was wirklich wirkt.

Nachhaltig hilft meistens kein einzelner Trick, sondern ein Bündel: ADHS-Behandlung, Schlaf, Bewegung, Reizmanagement und ADHS-spezifische Psychotherapie.

Säule 01 · ADHS-Medikation

Stimulanzien können paradox beruhigen. Atomoxetin oder Guanfacin können bei manchen Betroffenen gleichmäßiger dämpfen und schlafverträglicher sein.

Säule 02 · Bewegung

Drei- bis fünfmal pro Woche 30 bis 45 Minuten aerobe Bewegung reduziert Hyperarousal und verbessert Schlaf, Stimmung und exekutive Kontrolle.

Säule 03 · Schlaf

Stabile Schlafzeiten, Bildschirm-Pause, kühles Zimmer und gegebenenfalls Melatonin nach ärztlicher Rücksprache können den Schlafstart erleichtern.

Säule 04 · KVT und Achtsamkeit

ADHS-spezifische KVT und kurze geführte Achtsamkeitseinheiten helfen, Reizflut und DMN-Hyperaktivität besser zu regulieren.

§ 07 · Akut-Hilfe

Was tun in der Welle?

1. Körper bewegen

Fünf Minuten zügig gehen, Treppen oder kurze Cardio-Aktivierung. Bewegung verschiebt den vegetativen Tonus.

2. Reize reduzieren

Smartphone weg, Augen schließen, langsam atmen. 4-7-8-Atmung für sechs bis acht Atemzyklen kann den Sympathikus dämpfen.

3. Eine Aufgabe wählen

Keine Meta-Planung, kein Multitasking: eine Mail, eine Liste, eine kleine Handlung. Strukturieren statt fliehen.

§ 08 · Mythen

Drei populäre Irrtümer.

Beruhigungsmittel helfen

Kurzfristig dämpfend, langfristig riskant. Benzodiazepine behandeln nicht die ADHS-Ursache der inneren Unruhe.

Sport macht hibbeliger

Meist falsch. Regelmäßige Bewegung reduziert Hyperarousal und verbessert Schlaf und Reizregulation.

Achtsamkeit ist nichts für ADHS

Zu pauschal. Kurze, geführte, ADHS-adaptierte Einheiten können wirksam sein. 8 bis 12 Minuten sind realistischer als 45.

§ 09 · FAQ

Häufige Fragen.

Ein lebenslanges vegetativ-kognitiv-motorisches Phänomen: immer eingeschaltet sein, Motor läuft nie aus, zu viele offene Tabs. Es ist mehr als Nervosität.

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