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Pharmakotherapie · Titration · Verlaufskontrolle

Dosisfindung bei ADHS-Medikamenten braucht Geduld.

Die richtige Dosis ist keine Tabellenfrage, sondern ein wöchentlich kalibrierter Prozess. Entscheidend sind Wirkung im Alltag, Verträglichkeit und Stabilität über mehrere Wochen.

4-6 W.typische Titration bei Stimulanzien
8-12 W.volle Beurteilung bei Atomoxetin
30 %+klinische Response als Orientierung
3-4 W.Stabilität vor weiterer Änderung

Stand Mai 2026 · Autor: Dr. med. Amir Golsari · Lesezeit ca. 24 Min.

01 · Das Prinzip

Titration: vier Phasen, ein Ziel.

Eine ADHS-Pharmakotherapie ist kein One-Shot. Sie wird über Wochen kalibriert: niedrig starten, kleine Schritte, ausreichend lange beurteilen und erst dann entscheiden. Die Startdosis soll zunächst zeigen, ob der Körper die Substanz toleriert.

1 · Start

Subtherapeutisch beginnen: Verträglichkeit prüfen, nicht sofort maximale Wirkung erwarten.

2 · Steigern

Wöchentlich oder alle 7-14 Tage um eine Stufe anpassen, abhängig von Wirkung und Nebenwirkungen.

3 · Stabilisieren

Auf sinnvoller Dosis 3-4 Wochen bleiben, bevor erneut verändert wird.

4 · Entscheiden

Wirkung, Verträglichkeit und Alltagsfunktion gemeinsam bewerten.
Merksatz

Die richtige Dosis ist die, die im Alltag wirkt, nicht die, die im Beipackzettel maximal möglich ist.

02 · Methylphenidat

Methylphenidat: Erstlinie nach S3.

Methylphenidat ist bei Erwachsenen-ADHS häufig Erstwahl. Entscheidend ist nicht nur die Dosis, sondern auch die Galenik: unretardiert, Medikinet adult, Concerta oder andere Retardprofile können sich im Alltag deutlich unterscheiden.

Beispielhafte Titration bei Methylphenidat-Retard

W 01

Start niedrig, morgens einnehmen, Puls, Blutdruck, Appetit und Schlaf beobachten.

18-20 mg
W 02

Erste Steigerung, wenn Verträglichkeit gut ist und Wirkung noch nicht ausreicht.

36 mg
W 03

Wirkdauer im Alltag prüfen, ggf. Nachmittagsloch oder Rebound dokumentieren.

54 mg
W 04

Nur bei klarer Indikation weiter steigern; Ziel ist Alltagspassung, nicht Höchstdosis.

72 mg

03 · Lisdexamfetamin

Lisdexamfetamin: lange Wirkung, feine Einstellung.

Lisdexamfetamin ist ein Prodrug und wird im Körper zu Dexamfetamin umgewandelt. Dadurch entsteht oft ein gleichmäßigeres Wirkprofil. Seit Dezember 2024 ist zusätzlich eine Lösung mit 10 mg/ml verfügbar, was feinere Anpassungen ermöglicht.

Standard-Titration bei Lisdexamfetamin

W 01

Start morgens, Wirkung und Anspannung über den Tag dokumentieren.

30 mg
W 02

Bei guter Verträglichkeit und unzureichender Wirkung steigern.

50 mg
W 03

Nur bei Bedarf weiter steigern, insbesondere wenn Wirkdauer und Fokus noch nicht passen.

70 mg
Fein

Bei sensiblen Patient:innen kann die Lösung kleinere Zwischenschritte ermöglichen.

10 mg/ml
Praktisch wichtig

Ein aufgekratztes Gefühl, Herzrasen oder emotionale Verflachung sprechen nicht für „mehr“, sondern häufig für zu schnelle oder zu hohe Titration.

04 · Atomoxetin

Atomoxetin: die Geduldsprobe.

Atomoxetin ist kein Stimulans und nicht BTM-pflichtig. Der wichtigste Unterschied: Die Wirkung baut sich langsam auf. Wer nach drei oder vier Wochen abbricht, verpasst oft die eigentliche Beurteilungsphase.

Atomoxetin bei über 70 kg Körpergewicht

W 01

Start zur Verträglichkeitsprüfung, häufig 40 mg pro Tag.

40 mg
W 02

Steigerung Richtung Zieldosis, Nebenwirkungen aktiv monitoren.

80 mg
W 04-8

Erste klinische Veränderungen realistisch erwarten, nicht vorschnell abbrechen.

80 mg
W 10-12

Volle Beurteilung: Wirkung, Schlaf, Stimmung, Alltag und Nebenwirkungen.

80-100 mg

05 · Zielwerte

Wann stimmt die Dosis?

Wann stimmt die Dosis?

Nicht die Milligrammzahl entscheidet, sondern ob Wirkung, Verträglichkeit und Alltag gleichzeitig stabil passen.

Symptomreduktion76%
Verträglichkeit68%
Alltagsfunktion82%

Symptome

Orientierung: mindestens 30 Prozent Reduktion in Skalen wie ASRS oder CAARS, plus spürbare Veränderung im Alltag.

Verträglichkeit

Kein Appetitkollaps, kein Schlafabbruch, kein anhaltendes Herzrasen, kein emotionales Flat-Feeling.

Stabilität

Die Wirkung soll mehrere Wochen reproduzierbar sein, nicht nur an einem einzelnen guten Tag.

06 · Nebenwirkungsmanagement

Wenn der Körper protestiert.

NebenwirkungTypische EinordnungMögliche Reaktion
Appetitverlusthäufig dosisabhängigFrühstück vor Einnahme, Gewicht monitoren, Dosis/Galenik prüfen
EinschlafstörungTiming-Problem möglichletzte MPH-Dosis früher, LDX morgens, Schlafhygiene
Herzrasen / RR-AnstiegSicherheitsparameterPuls/RR kontrollieren, Dosis re-evaluieren, ggf. EKG
ReboundWirkende zu kurzGalenik wechseln oder kleine spätere Dosis prüfen

07 · Switch & Augmentation

Wenn die erste Substanz nicht passt.

Unzureichende Wirkung ist kein Therapieversagen. Oft braucht es Galenikwechsel, Substanzwechsel oder die Behandlung einer Komorbidität.

Innerhalb MPH

Verschiedene Retardprofile können trotz gleicher Substanz sehr unterschiedlich wirken.

MPH ↔ LDX

Bei fehlender Response kann der Wechsel der Stimulanzienklasse sinnvoll sein.

Nicht-Stimulanzien

Atomoxetin, Guanfacin oder Bupropion können je nach Komorbidität eine Rolle spielen.
Fachärztliche Aufgabe

Augmentation und komplexe Kombinationen gehören in engmaschige fachärztliche Verlaufskontrolle.

08 · Mythen

Drei hartnäckige Irrtümer.

Mehr ist besser

Falsch. Oberhalb des individuellen Sweet Spots steigen oft eher Nebenwirkungen als Wirkung.

Nach 3 Tagen weiß man alles

Falsch. Stimulanzien brauchen alltagsnahe Beobachtung, Atomoxetin deutlich länger.

Einmal eingestellt, immer gleich

Falsch. Stress, Schlaf, Gewicht, Arbeit und Lebensphase können Re-Titration sinnvoll machen.

FAQ

Häufige Fragen.

Stimulanzien wie Methylphenidat oder Lisdexamfetamin brauchen typischerweise 4-6 Wochen, manchmal bis 8 Wochen. Atomoxetin braucht 8-12 Wochen bis zur vollen Beurteilung.

Quellen

Wissenschaftliche Basis.

  1. AWMF S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, Reg-Nr. 028-045. Quelle
  2. NICE Guideline NG87: Attention deficit hyperactivity disorder. Quelle
  3. Cortese S et al. Comparative efficacy and tolerability of medications for ADHD across the lifespan. Lancet Psychiatry. 2018. Quelle
  4. Kooij JJS et al. Updated European Consensus Statement on adult ADHD. 2019. Quelle
  5. Chen Q et al. Long-term outcomes of ADHD medication. JAMA Network Open. 2024. Quelle
Hinweis: Dieser Beitrag dient der wissenschaftlichen Aufklärung und ersetzt keine ärztliche Diagnose, Verordnung oder Dosisanpassung. Änderungen an ADHS-Medikamenten gehören in ärztliche Begleitung.

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