Pharmakotherapie · Titration · Verlaufskontrolle
Dosisfindung bei ADHS-Medikamenten braucht Geduld.
Die richtige Dosis ist keine Tabellenfrage, sondern ein wöchentlich kalibrierter Prozess. Entscheidend sind Wirkung im Alltag, Verträglichkeit und Stabilität über mehrere Wochen.
Stand Mai 2026 · Autor: Dr. med. Amir Golsari · Lesezeit ca. 24 Min.
01 · Das Prinzip
Titration: vier Phasen, ein Ziel.
Eine ADHS-Pharmakotherapie ist kein One-Shot. Sie wird über Wochen kalibriert: niedrig starten, kleine Schritte, ausreichend lange beurteilen und erst dann entscheiden. Die Startdosis soll zunächst zeigen, ob der Körper die Substanz toleriert.
1 · Start
2 · Steigern
3 · Stabilisieren
4 · Entscheiden
Die richtige Dosis ist die, die im Alltag wirkt, nicht die, die im Beipackzettel maximal möglich ist.
02 · Methylphenidat
Methylphenidat: Erstlinie nach S3.
Methylphenidat ist bei Erwachsenen-ADHS häufig Erstwahl. Entscheidend ist nicht nur die Dosis, sondern auch die Galenik: unretardiert, Medikinet adult, Concerta oder andere Retardprofile können sich im Alltag deutlich unterscheiden.
Beispielhafte Titration bei Methylphenidat-Retard
Start niedrig, morgens einnehmen, Puls, Blutdruck, Appetit und Schlaf beobachten.
18-20 mgErste Steigerung, wenn Verträglichkeit gut ist und Wirkung noch nicht ausreicht.
36 mgWirkdauer im Alltag prüfen, ggf. Nachmittagsloch oder Rebound dokumentieren.
54 mgNur bei klarer Indikation weiter steigern; Ziel ist Alltagspassung, nicht Höchstdosis.
72 mg03 · Lisdexamfetamin
Lisdexamfetamin: lange Wirkung, feine Einstellung.
Lisdexamfetamin ist ein Prodrug und wird im Körper zu Dexamfetamin umgewandelt. Dadurch entsteht oft ein gleichmäßigeres Wirkprofil. Seit Dezember 2024 ist zusätzlich eine Lösung mit 10 mg/ml verfügbar, was feinere Anpassungen ermöglicht.
Standard-Titration bei Lisdexamfetamin
Start morgens, Wirkung und Anspannung über den Tag dokumentieren.
30 mgBei guter Verträglichkeit und unzureichender Wirkung steigern.
50 mgNur bei Bedarf weiter steigern, insbesondere wenn Wirkdauer und Fokus noch nicht passen.
70 mgBei sensiblen Patient:innen kann die Lösung kleinere Zwischenschritte ermöglichen.
10 mg/mlEin aufgekratztes Gefühl, Herzrasen oder emotionale Verflachung sprechen nicht für „mehr“, sondern häufig für zu schnelle oder zu hohe Titration.
04 · Atomoxetin
Atomoxetin: die Geduldsprobe.
Atomoxetin ist kein Stimulans und nicht BTM-pflichtig. Der wichtigste Unterschied: Die Wirkung baut sich langsam auf. Wer nach drei oder vier Wochen abbricht, verpasst oft die eigentliche Beurteilungsphase.
Atomoxetin bei über 70 kg Körpergewicht
Start zur Verträglichkeitsprüfung, häufig 40 mg pro Tag.
40 mgSteigerung Richtung Zieldosis, Nebenwirkungen aktiv monitoren.
80 mgErste klinische Veränderungen realistisch erwarten, nicht vorschnell abbrechen.
80 mgVolle Beurteilung: Wirkung, Schlaf, Stimmung, Alltag und Nebenwirkungen.
80-100 mg05 · Zielwerte
Wann stimmt die Dosis?
Wann stimmt die Dosis?
Nicht die Milligrammzahl entscheidet, sondern ob Wirkung, Verträglichkeit und Alltag gleichzeitig stabil passen.
Symptome
Verträglichkeit
Stabilität
06 · Nebenwirkungsmanagement
Wenn der Körper protestiert.
| Nebenwirkung | Typische Einordnung | Mögliche Reaktion |
|---|---|---|
| Appetitverlust | häufig dosisabhängig | Frühstück vor Einnahme, Gewicht monitoren, Dosis/Galenik prüfen |
| Einschlafstörung | Timing-Problem möglich | letzte MPH-Dosis früher, LDX morgens, Schlafhygiene |
| Herzrasen / RR-Anstieg | Sicherheitsparameter | Puls/RR kontrollieren, Dosis re-evaluieren, ggf. EKG |
| Rebound | Wirkende zu kurz | Galenik wechseln oder kleine spätere Dosis prüfen |
07 · Switch & Augmentation
Wenn die erste Substanz nicht passt.
Unzureichende Wirkung ist kein Therapieversagen. Oft braucht es Galenikwechsel, Substanzwechsel oder die Behandlung einer Komorbidität.
Innerhalb MPH
MPH ↔ LDX
Nicht-Stimulanzien
Augmentation und komplexe Kombinationen gehören in engmaschige fachärztliche Verlaufskontrolle.
08 · Mythen
Drei hartnäckige Irrtümer.
Mehr ist besser
Nach 3 Tagen weiß man alles
Einmal eingestellt, immer gleich
FAQ
Häufige Fragen.
Quellen
Wissenschaftliche Basis.
- AWMF S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, Reg-Nr. 028-045. Quelle
- NICE Guideline NG87: Attention deficit hyperactivity disorder. Quelle
- Cortese S et al. Comparative efficacy and tolerability of medications for ADHD across the lifespan. Lancet Psychiatry. 2018. Quelle
- Kooij JJS et al. Updated European Consensus Statement on adult ADHD. 2019. Quelle
- Chen Q et al. Long-term outcomes of ADHD medication. JAMA Network Open. 2024. Quelle
